Das kann nicht sein. Die Worte hämmern in ihrem Kopf. Fassungslos sitzt sie da. 16 gemeinsame Jahre, dann der lapidare Satz: Ich habe eine Freundin.  Es lief doch schon lange nicht mehr so toll. Jetzt ist er weg. Und sie allein mit der Tochter. Nach zwei Wochen behält der Geldautomat die Karte ein. Der Dispo - weit überzogen. Später der Brief von der Bank. Die Raten für den Kredit sind im Rückstand. Natürlich hatte sie mit unterschrieben, als Martin die 20.000 € für das Auto aufnahm. Das Auto war immer sein Traum gewesen. Und jetzt? Was wird aus ihrem Leben? Die Wogen brechen über ihr zusammen, ich kann das nicht, denkt sie, wie soll ich das alles schaffen? Miete, Versicherung, Handyrechnung – die Mahnungen stapeln sich. Sie wagt nicht mehr sie zu öffnen. Die Finanzen sind doch immer Martins Sache gewesen. Am liebsten möchte ich mich nur noch vergraben, denkt sie.

Als der Gerichtsvollzieher seinen Besuch anmeldet, wacht sie auf. Zum ersten Mal geht sie selbst zur Bank. Kämpft sich durch Kontoauszüge, Rechnungen, Verträge. Nein sagt der Berater, wir können die Raten nicht aussetzen, bis Sie Arbeit gefunden haben.

Aber wie soll sie das zahlen, wo die Sozialhilfe kaum zum Leben reicht? Den Weg zum Sozialamt kennt sie im Schlaf. Immer verbissener wird ihr Schritt. Nein, es fehlen noch Unterlagen, sagt man ihr. Wir prüfen den Fall, am nächsten Tag. Dann: Bin nicht zuständig, gehen Sie in Zimmer 203. Zuletzt: Private Kreditschulden? Ist Ihre Sache. Diese unbeteiligten Gesichter, dieses knappe Behördendeutsch, sie ist doch immer noch ein Mensch! Da platzt ihr der Kragen: einer muss doch zuständig sein, schreit sie den verschreckten Sachbearbeiter an, wohin soll ich mich denn wenden? Der murmelt etwas von Schuldnerberatung, wühlt in seinen Unterlagenund schreibt eine Telefonnummer auf. Wie eine Trophäe trägt sie den Zettel nach Hause.

 

Drei Wochen später, nach dem ersten Gespräch, sieht sie das erste Mal wieder Licht. Es wird lange dauern, hört sie. Aber wir helfen Ihnen. Wenn Sie dranbleiben, kommen Sie da raus.

                                                                                                                                                        Susanne Niemeyer

aus: Kalender „Der Andere Advent“ 2004/05, Verein Andere Zeiten e.V. Hamburg, 

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